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Wanderung Leeder am 2.5.23 mit Ursula
Weithin sichtbar erhebt sich auf einem Moränenhügel des Fuchstales der Turm der Pfarrkirche
‚Mariä Verkündigung‘. Er stammt aus der ersten Hälte des 15. Jhr. Oberhalb stand früher die Burg
der Vögte, von der nur noch der Burggraben und Mauerreste künden. Von dort hatten wir einen
guten Ausblick auf die alte Römerstraße (heute B 17) von Augsburg nach Venedig.
Was war vor 500 Jahren hier passiert und warum heißt Leeder das "Ketzerdorf" ? Der Name
Leeder leitet sich von mhd ledare/Gerber ab. Schon früh gehört es zum Domkapitel Augsburg und
die Bevölkerung war katholisch. Doch 1508 wird es an den Patrizier Ulrich Rehlinger verkauft, der
den evangelischen Glauben einführte. Und damit begann der Religionskrieg. Seit dem Augsburger
Religionsfrieden 1555 war der lutherische Glaube eingebürgert und die Einwohner eines Dorfes
mussten die Religion ihres Fürsten leben. Sie wollten sich aber ihre Heiligen und vor allem die
Gottesmutter, nicht nehmen lassen.
Reformation heißt Erneuerung, wir verstehen darunter die Entstehung der evangelischen Kirche, die
Gesellschaft spaltete sich. Die "Marianischen" versammelten sich im Geheimen und beteten dafür,
dass Leeder wieder an einen Katholiken verkauft wird, aber sie beließen es nicht dabei, sie suchten
Schuldige, sie wollten keine Abgaben an Fremdgläubige leisten. Und nun kommt die Besonderheit: In
dieser Zeit der Zerrissenheit tritt ein neuer "Messias" auf: Aus Schlesien kommt ein spiritueller
Theologe, Caspar von Schwenckfeldt. Er kommt aus einer Adelsfmilie, studierte in Köln und
Frankfurt Theologie und Jura. Er begann als Anhänger Luthers, entwickelte aber eine reine Lehre
nach dem Evangelium, gegen die Macht der Kirchen, gegen Amtsmißbrauch, Folter und Unrecht,
Ablass für Geld. Er zog wie Jesus von Nazareth von Ort zu Ort, hatte lange Disputationen mit
Luther, mit Melanchton, den Theologen seiner Zeit. (Veröffentlichte Bücher, die heute noch
lesenswert sind).
Schwenckfeldt wurde zum Ketzer gestempelt und mußte flüchten. Im protestantischen Leeder
konnte er unterkommen, konnte sich verstecken. Im dunkel bewaldeten Fuchstal gab es tiefe
Wälder mit Wölfen und Bären. Die Bevölkerung glaubte an Hexen und teuflische Dämonen im
Urwald. Es gab böse Nachrede, Hexengerüchte und Briefe mit Anklagen, denn die Zeiten waren
hart, das Klima wurde schlechter, die Ernte weniger und natürlich wurden Schuldige gesucht. Das
waren bald Schwenkfeldt und seine Anhänger. Nur die Einöden Moosmühle und Wildbad gaben
Schwenckfeldt Schutz. Er predigte Frieden und Toleranz (ließ die Katholischen sogar nach
Denklingen in die Messe) sprach vom „inneren Wort“ im Menschen, doch die Dörfler verstanden ihn
nicht. Sie konnten den Prediger aber nie dingfest machen. 1595 wurde Leeder wieder katholisch und
die Fesseln für die Ketzer wurden im Kirchturm ausgestellt. Die Zeiten verschlechterten sich
weiter, der Dreißigjährige Krieg begann 1618, Klimawandel, Hunger, Pest, Hexenverfolgung; 40%
der Bevölkerung kam ums Leben.
Es sammelten sich auch viele Adelige und Patrizier in Schwenckfeldt-Gemeinschaften in
Süddeutschland , sie wurden weiterhin verfolgt. Der „Freigeist“ war seiner Zeit voraus. Deshalb
flohen die letzten Anhänger nach Nordamerika, wo es bis heute Schwenckfelder Gemeinden gibt.
Schwenckfeldt starb am 10.12.1561 in Ulm mit über 70 Jahren.
Wir wanderten nicht viele Kilometer, doch historisch wanderten wir weit und vielleicht können wir
intelligenter über die Welt nachdenken als die Menschen damals.
Kirche „Mariä Verkündigung“
in Leeder
Fesseln für die Ketzer